Slowdown in Lappland

Ursula und ihre Tochter Flora sind über Weihnachten in ein Huskycamp nach Lappland gefahren. Die Geschichte einer ganz besonderen Reise bei -20°C.

Liebe Ursula, im Winter 2012 habt ihr ein sehr außergewöhnliches Reiseziel gewählt, ihr wart eine Woche im Norden Schwedens in einem Huskycamp. Wie seid ihr auf diese Reise gekommen?

Wir wollten dem Weihnachtswahnsinn entkommen, ein bisschen auch dem Winter, aber nicht unbedingt in einer Shopping Mall in Dubai landen. Das war schwierig. Daher dachten wir, Angriff ist die beste Verteidigung — wir wollen Winter und Schnee einmal ganz anders erleben. Das Web hat uns nach Skandinavien geführt. Zwischen Gruppenausfahrten mit Motorschlitten und Besuchen beim Weihnachtsmann sind wir auf das Angebot von Heike und Michi gestoßen. Eine Woche mit ihnen und ihren fast 30 Huskys, abseits von Touristenpfaden, mitten in der Natur.

Von Wien bis in das abgelegene Arvidsjaur sind es ca. 2600 km. Wie kommt man dahin und wie lange ist man unterwegs?

Wenn alles nach Plan verläuft, ist man mit Zwischenstopp in Stockholm nach 8 Stunden in Arvedsjaur. Eisregen in Wien hatte unseren Abflug um Stunden verzögert, und wir haben den Anschlussflug von Stockholm nach Arvidsjaur verpasst…

Am 23. Dezember abends gab es auch keine freien Plätze in anderen Fliegern mehr. Wir haben uns mit dem Nachtzug nach Östersund und von dort mit dem öffentlichen Bus nach Arvidsjaur durchgeschlagen. Fahrgäste im Bus waren ein indischen Studentenpaar, das von Mailand nach Kiruna gereist ist, eine junge Frau aus Deutschland mit Hund und wir. Der Busfahrer hat uns viel über Lappland und seine Bewohner erzählt und hat immer wieder gehalten, damit wir unsere ersten Fotos von Wäldern und Schnee machen konnten. Die Temperatur ist stetig gefallen, -10 °C/ -15 °C/ -20°C/ -25°C…

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„Wir sind nur wenigen Autos begegnet. Ortschaften sind im Laufe des Tages auch immer seltener geworden. Diese tausend Kilometer haben uns langsam und auf schöne Weise auf unseren Aufenthalt vorbereitet.“

Die durchschnittliche Tagestemperatur von -20 °C erfordert bestimmt eine besondere Vorbereitung, nicht zuletzt bei der Wahl der Bekleidung. Wie habt ihr euch vorbereitet bzw. was braucht man unbedingt?

Zuallererst braucht man die nötige Einstellung. Ich friere leicht und musste mich mental auf die Temperaturen einstellen. Dann muss man wissen, dass die Kälte in Lappland trocken und meist windstill ist. Das macht sie gut erträglich. Am wichtigsten ist aber die Bekleidung. Wir haben uns anhand einer Packliste, die wir bekommen hatten, vorbereitet und wunderbar warme Unterwäsche, Socken, Handschuhe, Mützen und Gesichtsschutz eingekauft. Das Angebot auf der Huskyfarm beinhaltet auch eine richtig warme lange Jacke, Überschuhe und Fellfäustlinge für die Gäste — das noch drüber, dann geht das gut.

Wie fühlt man sich, kommend aus dem wienerischen Weihnachtswahnsinn, nach nur 15 Stunden im Nirgendwo ankommt? Könnt ihr das Gefühl bei der Ankunft ein wenig beschreiben? Wie wurdet ihr empfangen?

Am 24. Dezember um 15 Uhr sind wir etwas müde und hungrig, aber entspannt in Arvidsjaur aus dem Bus gestiegen. Besonders durch die Busfahrt war uns bewusst, wie sehr wir im Nirgendwo angekommen waren. Michi und der Rudelchef Marten haben uns an der Busstation begrüßt. Arvidjaur selbst ist betriebsam und hat für seine nur 4.000 Einwohner eine gute Infrastruktur, weil die Autoindustrie ihre Winterteststrecken in der Nähe betreibt. Wir sind allerdings noch eine gute halbe Stunde nach Tjappsåive gefahren, dem Standort des Huskycamps. Eine Siedlung mit wenigen Häusern am Rande eines Naturschutzgebietes. Die Temperatur lag bei -36 C, Wälder, Wiesen und der zugefrorene See waren Schnee bedeckt, die farbigen Holzhäuser weihnachtlich beleuchtet.

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Flora hat sich schon während der Autofahrt mit Marten angefreundet und nach der Ankunft auch gleich alle anderen Hunde begrüßt.
-36 °C ist auch für Huskys kalt, also durften die älteren Hunde mit ins Haus. Sie haben sich vor dem Holzofen ausgestreckt, während wir ein weihnachtliches Abendessen mit Elch- und Rentierfleisch genossen haben.

Wie sieht die Unterkunft in einem Huskycamp aus und mit wie vielen Menschen und Hunden ist man dort zusammen?

Während unseres Aufenthalts waren wir mit Heike, Michi und den 28 Hunden zusammen. Auf der Website hatten wir uns schon über die Hunde, deren Namen und Charaktereigenschaften informiert.

Neben dem Wohnhaus von Heike und Michi, einem Schuppen und dem großen Gelände für die Hunde stehen drei Gästehäuschen eng beieinander. Das größte besteht aus 2 Schlafzimmern mit Doppelbetten, einem Wohnzimmer mit Esstisch und gemütlicher Sitzecke und einer Toilette. Gleich daneben ist das Dusch- und Saunahäuschen und das Esshäuschen, in dem wir gemeinsam mit Heike und Michi gegessen haben. Es werden nur Gäste, die den Urlaub gemeinsam gebucht haben, zusammen untergebracht. Flora und ich waren also die einzigen Gäste.

Die Tage sind im hohen Norden zu dieser Jahreszeit sehr kurz. Wie sieht der Tagesablauf im Huskycamp aus?

Ja, die Tage im Dezember sind wirklich kurz — Tageslicht von 10-14 Uhr. Aber das macht nichts. So bleibt auch genügend Zeit für Lesen, Reden, Spielen, Sauna und Ausschlafen. Flora hat auch das WLAN intensiv genutzt.

Unser Tag hat mit einem ausgiebigen Frühstück begonnen. Zeit für das Anziehen der vielen Schichten Kleidung nicht vergessen! In der Morgendämmerung zwischen 9 und 10 Uhr raus zu den Hunden, beim Füttern zuschauen oder einfach spielen und beobachten. Das Tageslicht haben wir für die Ausfahrten mit den Hundeschlitten genutzt, auf verschiedenen Strecken mit unterschiedlicher Länge, ganz nach Wunsch und Fitness. Danach Sauna, faulenzen und natürlich viel Zeit mit den Hunden verbringen.

Die schönste Überraschung für uns war, dass wir beide einen eigenen Schlitten mit sechs Hunden lenken durften. Also volle Verantwortung und voller Spaß. Das Wichtigste wurde uns zu allererst beigebracht: Bremsen. Diese Hunde braucht man nicht zum Laufen zu animieren. Aber zu warten bis alle Hunde und Menschen bereit sind oder unterwegs zu rasten, das fällt ihnen schwer. Freiwillig halten sie nicht mal für ihre Notdurft — das geht auch im Laufen!

„Die Ausfahrten haben uns durch Wälder und über Seen geführt, immer schneebedeckt, unberührt und friedlich, Natur pur.“

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Spannend für uns waren die verschiedenen Aufgaben der Hunde, je nach Position im Gespann. Es braucht Hirn, Muskeln und Motivation im Team. Jeder Hund hat seine Stärken und die passende Aufgabe. Tanzt einer aus der Reihe, wird er von den anderen Hunden zurecht gewiesen.

Die Ausfahrten haben uns durch Wälder und über Seen geführt, immer schneebedeckt, unberührt und friedlich, Natur pur. Es gab auch mal Steigungen, dann mussten wir mithelfen. Bei Kurven hieß es aufpassen, rechtzeitig bremsen und lenken. Flora ist einmal gestürzt, war aber nicht schlimm, der Schnee war weich. Und sie hat die wichtigste Regel beachtet: niemals den Schlitten loslassen, sonst sind die Hunde dahin.

Einen Tag haben wir für eine Schneeschuhwanderung genutzt. Wir sind durch den verschneiten Märchenwald auf einen der nahe gelegenen, nicht allzu hohen Berge gestapft, haben das außergewöhnliche Licht, die Stille und die Aussicht genossen.

„Mit den Hunden spielen macht auch immer Spaß. Vor allem die jungen Hunde sind übermütig und verspielt. Das war für Flora der Höhepunkt des Tages.“

Und was macht man nach 14 Uhr, also wenn es dunkel wird?

Zuerst Hunde versorgen. Da haben wir immer gerne mitgeholfen. Mit den Hunden spielen macht auch immer Spaß. Vor allem die jungen Hunde sind übermütig und verspielt. Das war für Flora der Höhepunkt des Tages.

Da das Grundstück beleuchtet ist und wir außerdem Stirnlampen hatten, konnten wir uns auch in der Dunkelheit gut in der Umgebung bewegen. Das Gelände für die Hunde ist groß, viel Fläche um sich auch ohne menschliche Begleitung zu bewegen, mit gut isolierten Hundehütten, damit sie es auch bei niedrigen Temperaturen gemütlich haben.
Für die Hunde, die nicht bei der Schlittentour dabei waren, gab es auch jeden Tag Auslauf am gefrorenen See. Laufen, durch den Schnee pflügen, spielen — schön zu beobachten.
Nach den Stunden im Freien war die Sauna eine tolle Sache. Oder faulenzen vor dem warmen Holzofen. Und essen.

Apropos essen. Wer kümmert sich um die Verpflegung?

Heike und Michi bekochen ihre Gäste, und das sehr gut. Frühstück im Gästehäuschen zur Wunschzeit und in aller Ruhe. Mittag- und Abendessen gemeinsam mit Heike und Michi im Esshäuschen.

Dabei haben wir unsere Ausflüge besprochen. Einer der beiden ist immer bei den Touren dabei, der andere sorgt für den Rest. Wir haben viel über ihr neues Leben in Lappland und ihren Alltag mit den Hunden erfahren. Das Verhalten der Tiere im Rudel, das Training, die Hundeschlittenrennen, spannende Themen gab es genug. Mich hat vor allem die Ruhe und Naturverbundenheit dieses Lebens fasziniert.

Hilfreich war die gemeinsame Muttersprache, aber vor allem, dass wir uns gut verstanden haben. Es war doch eine Woche mit vielen gemeinsam verbrachten Stunden. Auch am Feuer in einer einsamen Hütte im Wald, bei ein paar Bierchen und Rentierfleisch, hatten wir viel Spaß.

Was war Dein schönstes Erlebnis, Ursula?

„Mein schönstes Erlebnis war die Schneeschuhwanderung durch den Wald. Das Licht und die Stille habe ich so noch nie erlebt. Die Bäume waren vollkommen eingeschneit und hatten die Form von Phantasiefiguren, beleuchtet von der orangeroten Sonne, die es nur knapp über den Horizont schafft. Und die Stille war vollkommen. Kein Wind, kein Geräusch, schon gar kein Auto oder Telefon. Herrlich.“

Und wann geht’s wieder auf Reisen und wohin?

Es ist eine Herausforderung, Reiseziele für eine erholungsbedürftige Mutter und ihre Teenager-Tochter zu finden. Ich bin noch dran….

Vielen Dank für das Interview, Ursula!